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Lokalkolorit

Ich bin dann mal weg…. – ein Forschungsprojekt zur farblichen Identität von Städten

Dipl.-Ing. Markus Pretnar unterrichtet das Fach ‚Farbe und Raum‘ am Studiengang Innenarchitektur an der Hochschule Mainz. Für das Jahr 2015 hat er sich ein besonderes Forschungsprojekt vorgenommen: eine Studienreise durch 22 Städte und Ortschaften. Konkret war er diesen Sommer vom Nordkap bis nach Athen unterwegs und hat dabei insgesamt 16 000km zurückgelegt . Auf seiner Reise ist er der farblichen Identität von Städten und Ortschaften auf der Spur. Dazu hat er eine Methode entwickelt, die er dabei erprobt und weiterentwickelt hat. Die Untersuchungsergebnisse will er bis Ende 2016 auswerten und dann in einem Buch veröffentlichen. Seine individuellen Eindrücke hat er uns in einem Interview verraten.

Weitere Hintergrundinformationen und Etappen-Städte mit Fotos und Notizen finden Sie auf folgender Website: http://yeah.hs-mainz.de

 
Die Tour: dem Begriff des Lokalkolorits auf der Spur

Was bedeutet regionale Farbigkeit und wovon ist sie abhängig? Klimatische Bedingungen und vorhandene Baumaterialien prägen das Erscheinungsbild ländlichen Raums. Hierdurch entstehen individuelle Farbkulturen die sich in regionaler Farbigkeit niederschlagen und ablesen lassen. Sind diese Farbigkeiten auch erweiterbar auf den urbanen Raum? Eine aufschlußreiche erste Kartografie lokaler Farben und Materialien zeigt die folgende Fotoauswahl von Oulu in Finnland, Talinn (Estland), Minsk (Weißrussland), Czernowitz (Ukraine) bis Griechenland.

 
Oulu, Finnland: Sowohl Astrid-Lindgren-Ästhetik als auch hohes Gestaltungsbewußtsein

In Skandinavien lässt sich die Farbigkeit des ländlichen Raumes mit den Primärfarben Rot-Blau-Gelb-Grün oft im Stadtraum wiederfinden. Häufiger als in anderen Ländern der Untersuchung treffen in Skandinavien ausgewählte Farbigkeiten und bewusste Materialauswahl auf gestalterische Kompetenz. Daraus entsteht eine höhere Präsenz guter und gehaltvoller Gestaltung im öffentlichen Raum. Eine Ästhetik der Schönheit.

 
Talinn, Estland: Atmosphäre = Identität oder die Ästhetik des Verschwindes

Das Szeneviertel Kalamaja in Talinn besticht durch wunderschöne 100-150 Jahre alte Wohnbauten aus Holz- und Putz-Architektur. Es ist ein alter aussterbender Ort mit verblichenen Putzfarben, abblätternden Anstrichen und patinierten Oberflächen. Doch gerade das macht die romantisch-anrührende Atmoshäre aus. Die Oberflächen der Bauten sind so beschaffen, dass sie schön altern – ohne kaputt zu gehen. Ist diese Ästhetik des Alterns auf dem Rückzug? Der Wunsch nach einer heilen Welt hat zu glatten Schönheiten mit perfekten Oberflächen geführt. Viele Altstädte werden heute tiptop renoviert mit dem Ergebnis, dass sie hübsch, aber leblos und konserviert wirken –wie zu stark geschminkt. Die ästhetische Qualität der Alterungsprozesse von Materialien und Oberflächen verschwinden immer mehr. Neue Materialien sind so kontrolliert, dass sie nicht altern oder wenn doch, dann altern sie nicht schön.

 
Minsk, Weißrußland: monopolosierte Ästhethik – ein aussterbendes Model

Die Stadt in Weißrußland stellt den exotischsten Ort der Reise dar, indem sie eine der letzten Beispiele quasi monopolisierter Ästhetik bietet. Wie vor 40 Jahren in der DDR beeinflußt hier der Staat die Gestaltung der öffentlichen Räume. Der Stadtraum wirkt durch diese durchdringende Haltung entsprechend homogen, was zunächst beeindruckt. Doch fühlt man sich als Mensch recht klein gegenüber den stereotypen sozialistischen Bauwerken. Erfreulicherweise gibt es auch in Minsk Farbgestalter, deren Gestaltungswille sich der Strenge der Architektur widersetzen und mittels Farbakzenten die Fronten auflockern.

 
Czernowitz, Ukraine: Fröhlichkeit im Süden Europas

„Czernowitz war der lustigste und überraschendste Ort der ganzen Reise – diese Kleinstadt hat richtig Spaß gemacht“ freut sich Markus Pretnar in unserem Interview. Zunächst zeigt die Innenstadt ganz typische österreichische Architektur aus Klassizismus und Barock. Jedoch sind die Gebäude allesamt bonbonfarben angemalt. Farbenfroh, verspielt und sehr experimentierfreudig waren hier die Gestalter unterwegs. Diese kräftige Farbigkeit macht die Stadt zu einer Enklave der Buntigkeit – und das bis hinaus in die Vororte. Und Czernowitz ist der erste Ort der Nord-Süd-Tour, der eindeutig südeuropäisch anmutet.

 
Athen und Thessaloniki, Griechenland: von Balkonhäusern und anderen Baustellen

Für die letzte Station der ersten Lokalkolorit-Forschungsreise sind exemplarisch Fotos aus Athen und Thessaloniki ausgewählt. Hier stößt die Untersuchung allerdings an ihre Grenzen. Denn beim typisch griechischen Apartmenthaus sind Markisen und Jalousien für die Farbigkeit bestimmend. Diese sind nicht immer sichtbar, schwer erreichbar und sie werden natürlich auch mal ausgetauscht. Die Fassade verbleibt oft in Sichtbeton, wenn sie überhaupt fertiggestellt wird. Viele Wohnhäuser sehen aus wie Baustellen. Manchmal ist ein Stockwerk schon bewohnt obwohl sich der Rest des Gebäudes noch im Bauprozeß befindet. „Der Begriff von „fertiggestellter Architektur“ scheint in südlichen Ländern nicht so durchgängig anwendbar zu sein“ – so die Überlegungen von Markus Pretnar.