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Wohnungen, die ihre Bewohner betreuen

Wie Farben, Licht und Assistenzsysteme älteren Menschen zu längerer Selbstständigkeit verhelfen

In Turbogeschwindigkeit altern – das klappt sogar ohne Zeitmaschine. Für einige Minuten schlüpfen die Teilnehmerinnen und -teilnehmer des Seminars „Zukunft Gutes Wohnen“ in die Rolle fast blinder, schwerhöriger Senioren. So finden sie heraus, wie ein alter Mensch, der nur noch zehn Prozent Sehschärfe oder gar eine Makula-Degeneration hat, seine Umgebung wahrnimmt.

Die Sinneseinschränkungen werden mit trüben Brillengläsern, schallschluckenden Kopfhörern und weißen Stoffhandschuhen simuliert. Eine junge Frau ist geschockt: „Man sieht ja nur noch Konturen!“ Unsicher tappt sie zwischen den Seminarteilnehmern umher, fühlt sich verloren und dazu auch noch ausgegrenzt, weil sie wegen ihres Kopfhörers nichts von den Gesprächen um sie herum mitbekommt.

Bei diesem kleinen Experiment im Weiterstädter Wohn- und Quartierzentrum „WoQaZ“ konnten Innenarchitekten und Beschäftigte von Pflegeorganisationen am eigenen Leibe erfahren, wie unsicher sich ältere Menschen in fremden Räumen fühlen, wie hilfreich Kontraste in der Wohnung sind, um sich gut zurechtzufinden. Denn um diesen Lerneffekt ging es.

Das Seminar „Zukunft Gutes Wohnen“ wird von Experten für Experten organisiert. Es ist eine Vernetzungsplattform für Praktiker aus der Pflege, Planer, Industriepartner und engagierte Privatpersonen. Seit 2013 werden auf den  bundesweiten Seminaren des Netzwerks  neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, Studien und Service-Tipps zu pflegerelevanten Themen weitergegeben.

Auf dem Seminar in Weiterstadt (Hessen) stellten Caparol und der Bodenbelagshersteller Forbo Raumlösungen vor, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt sind. Unter Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse hatte das Caparol FarbDesignStudio preisgekrönte Farb-Konzepte entwickelt, die sich auf Seniorenresidenzen und Pflegeheime ebenso wie auf die Wohnungswirtschaft, Privathäuser oder Eigentumswohnungen übertragen lassen. Sie heißen „Lebensräume“ und wollen zu mehr Wohlbefinden, besserer Orientierung und anregender Stimmung beitragen.

Die Zielgruppe sind alternde Menschen, die, ob im Heim oder zu Hause, möglichst lange selbständig bleiben wollen. Über 80 Prozent der Zeit verbringen die Deutschen laut einer Umfrage in Innenräumen, es lohnt sich also, über deren Gestaltung nachzudenken. Nicht nur die Bewohner, auch das Pflegepersonal in Heimen profitiert unmittelbar von der positiven Wirkung einer durchdachten Farbabstimmung, denn der Arbeitsplatz wird damit deutlich aufgewertet.

Als Andreas Gradinger, Bereichsleiter Health Care bei DAW (Deutsche Amphibolin-Werke von Robert Murjahn), den Veranstaltungsort „WoQaZ“ betrat, stellte er mit professionellem Blick fest, dass die Räume des für ältere Mieter nutzergerecht geplanten Neubaus nach den Regeln der visuellen Barrierefreiheit gestaltet sind. „Ich habe sofort gemerkt, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. Und da wusste ich noch gar nicht, dass das Farbkonzept von Caparol stammte“, erzählte er den Seminarteilnehmern. 

Damit sich ältere Menschen in ihrem Wohnumfeld sicher und geborgen fühlen, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Farben, Licht und Bodenbelag können als Orientierungshilfen dienen. Mit den Farbkonzepten „Lebensräume“ holt Caparol die Natur in den Raum. Verschiedene, in sich stimmige Farbwelten sollen den Betrachter an Sommerfrische, Rosengarten, Meeresbrise, Landpartie oder Frühlingswiese erinnern.

An Material- und Farbbeispielen wurde im Musterraum bei „WoQaZ“ demonstriert, wie groß der Kontrast zwischen Boden und Wand mindestens sein muss, um von stark Sehbehinderten noch einigermaßen wahrgenommen zu werden. Das lässt sich sogar mit einer Formel ausdrücken. Der Fußboden sollte sich optisch von der Wand abheben und dunkler als diese sein, damit sich ältere Menschen sicher im Raum bewegen können.

Farben betonen aber auch die Funktionen von einzelnen Gebäudeabschnitten. Während im Wohnbereich eines Seniorenheims eher sanfte Töne gefragt sind, die Ruhe und Harmonie ausstrahlen, regen kräftigere Nuancen im Flur zu Begegnung und Gespräch an. Außerdem stellen sie Blickbezüge – etwa zu Aufzug, Treppenhaus oder Sitzecke – her. Diese Zonen können zusätzlich mit Licht akzentuiert werden. Bodenbelagsänderungen markieren die Übergänge zwischen den Nutzungsbereichen. Und alles sollte ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Von Farben und Bodenbelägen wird heutzutage erwartet, dass sie umweltfreundlich, robust und leicht zu reinigen sind und die Raumakustik verbessern. Forbo präsentierte dazu variabel kombinierbare Design-Beläge von unterschiedlicher Haptik, die Holzplanken ähneln und bei Bedarf schnell und ohne großen Aufwand ausgewechselt werden können.

Ohne Licht gäbe es keine Farben. Ganzheitliche Beleuchtungslösungen auf LED-Basis, die dank Entblendungstechnik Schattenbildungen und punktuelle Spiegelungen auf dem Boden vermeiden und eine gleichmäßige Ausleuchtung garantieren, können sogar Stürze verhindern. Denn oftmals werden diese durch optische Irritationen ausgelöst. Eine biodynamische Beleuchtung begünstigt Hormon- und Stoffwechselprozesse, wirkt am Morgen anregend und fördert abends die Schlafbereitschaft.

Neue intelligente Assistenzsysteme ermöglichen es älteren Menschen, den Umzug in ein Heim lange hinauszuschieben. „Smart Homes“ denken mit und handeln selbständig, wenn ihre Bewohner nicht mehr in der Lage sind, sich Hilfe zu holen. Wie weit die Technik auf diesem Gebiet schon fortgeschritten ist, zeigt das eröffnete Vorzeigeobjekt „WoQaZ“. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut wollte Investor und Projektentwickler Axel Albrecht, der zusammen mit seinem Bruder Theo Betreiber des Hauses ist, Räume schaffen, die ihre Bewohner betreuen.

Die 22 durch einen Laubengang und Fahrstühle erreichbaren vermieteten Wohnungen haben Bewegungs- und Rauchmelder. Bei Feueralarm geht die Wohnungstür auf, die Jalousien werden hochgefahren und der Strom abgestellt. „Die Wohnung weiß, was in ihr passiert und entdeckt kritische Situationen“, erklärt der strategische Berater Dr. Reiner Wichert (AHS Assisted Home Solutions GmbH). Mehrere Systeme sind parallel geschaltet. Unter dem Parkett wurden Gitter aus dünnen Drähten verlegt. Randsensoren stellen fest, in welchem Quadrat sich der Bewohner gerade aufhält und zeichnen sein Bewegungsmuster auf. 

Liegt der Mieter beunruhigend lange im Bett oder auf dem Boden? Braucht er fürs Duschen und den Toilettengang wesentlich länger als sonst? Dann klingelt (nach einem vorher mit ihm vereinbarten Zeitraum) sein Telefon. Wenn er den Hörer abhebt, gibt er damit automatisch Entwarnung. Bleibt er aber regungslos, werden nacheinander bis zu zehn Helfernummern – Nachbarn, Verwandte, Notdienst – aktiviert. Auf die Daten haben die Betreiber des Hauses keinen Zugriff. Im Notfall helfen die Bewegungsmuster aber, das Geschehen zu analysieren.

Nicht nur Wohnungsinvestoren, auch Hotelbetreiber stellen sich immer mehr auf ältere, zum Teil pflegebedürftige Menschen ein. Deren Zahl wird in wenigen Jahren von 2,5 Millionen auf mehr als drei Millionen steigen. Aber auch Pflegebedürftige wollen – und sollen – mit ihren Angehörigen Urlaub machen. In knapp drei Jahren haben Geschäftsführerin Karina Dörschel, ihr Mann und Experten die bisher einzigartigen „Carehotels“ entwickelt. Sie sollen zu 100 Prozent barrierefrei sein, aber nicht das Ambiente von Reha-Einrichtungen haben. Hotelleistung und professionelle Pflegeleistung werden unter einem Dach geboten. Das erste „Carehotel“ mit 78 Zimmern wird im April 2017 in Schotten (Vogelsberg) eröffnet. Weitere sollen folgen.

Der Seminartag zeigte, dass die Industriepartner inzwischen kreative, marktreife Lösungen für die Folgen des demographischen Wandel anbieten können. Es ist höchste Zeit, mehr für die ältere Generation zu investieren. Aktuelle Termine und Programme zur Veranstaltungsreihe „Zukunft Gutes Wohnen“ können der Homepage entnommen werden.

Text: Petra Neumann-Prystai